






Frau Sinner trägt neue Schuhe an diesem Abend, "teure Schuhe",
sagt sie, in rotem Leder, auf die sie auch mächtig stolz ist,
obwohl sie eine Nummer zu groß sind. Die 55jährige Münsteranerin
ist braungebrannt und sitzt mit bauchfreiem Top in der vorderen,
seitlichen Rangreihe. Neben ihren beiden Freundinnen. Ohne Männer.
Ihr Bauchwulst wölbt sich vor wie gedehnte Knetmasse. Die braune
Nabelstelle sieht durch die Streckung künstlich aus, wiedraufgesteckt. Die Wulst pulsiert. Ihre Fingernägel sind knallig
lackiert, aber merklich angeknabbert und nicht sauber. "Man muß
die fiesen Tricks kennen, um zum Ziel zu kommen", sagt Frau Sinner,
verabschiedet sich von ihren Freundinnen und macht einige Schritte
auf die unscheinbare Stahltüre zu, die uns von den versteckten
Zwischengängen der Westfalenhalle trennt, "die kennen nämlich
nur wenige." Künstlicher Nebel wallt vor uns auf, von der Bühne
herunter, und setzt sich trocken in der Nase fest. Der Nebel riecht
nach Weihrauch, aber heute, an einem Sonntagnachmittag, paßt das.
Hinter der Stahltüre steht dann nur eine Bretterbude. Auf Baustellen
machen die Arbeiter in solchen Buden Pause. "Das wissen nur wenige,
daß ER gleich hier ist", sagt Frau Sinner verschwörerisch, aber
es sind offensichtlich immer noch genügend Frauen, die über dieses
Expertenwissen verfügen. Und die den Rest des Tages an dieser
Bude verbringen werden. Ungefähr fünfzig Frauen aus der ganzen
Republik, sogar aus Österreich, warten hier in den Katakomben
der Dortmunder Westfalenhalle. Sie sind meist zwischen 45 und
70, mit
angespannten Gesichtern, gebräunt, frisch frisierten Haaren und einem verschwiegenen, sich selbst uneingestandenen Wunsch. Vor einem Baucontainer. Angeblich warten die Frauen hier nur auf unregelmäßige Autogramme. Hinter uns perlt rhythmisch eine weitere Applauswelle und ein dumpfer Rhythmusbrei an der Stahlwand ab. "Manchmal muß man auch mal mit dem Ellbogen stupsen", sagt Frau Sinner, die schon bei ähnlichen Veranstaltungen in Köln und in Münster war, "aber es ist doch noch recht zivilisert." Neben Helga Sinner steht eine weitere, ungefähr gleichaltrige Katakombenvertraute in einem braunen Lederkostüm. Frau Sinner und die blonde Frau nicken sich kurz zu, sprechen aber nicht miteinander. "Aus Hamburg, glaube ich, die fährt auch zu jedem Konzert." Die vermutliche Hamburgerin hat auffällig dünne Beine. Knochige Knie. Sie trägt eine schwarze Strumpfhose und die Knie scheuern darunter weiß hervor, deutlich wie Scharniere. Auch sie ist braungebrannt und verteidigt ein buntverziertes Poesiealbum vor ihrer Brust. Für die Autogramme,die anscheinend vor allem Gekrackel sein müssen, wie ich mir das als Kinder auch immer vorgestellt habe, sonst ist ein Autogramm schließlich keine Künstlerunterschrift."Manche schreiben nicht", sagt Frau Sinner und ist darüber nicht nur enttäuscht, sondern richtig böse. Sänger müssen nämlich Freunde sein, vierundzwanzigstündig nett und freundlich und launenlos. "Im Herzen brennt ein Feuer", matscht es wieder dumpf an der Stahlwand herab, und immer wieder: "Liebe..."
Endlich öffnet sich neben der Plastikbude ein provisorischer Vorhang und es erscheint ein dunkelhaariger Mann. Es ist der Sänger der 'Paldauer' und die harrenden Frauen beißen sich tatsächlich abwechselnd auf die Lippen. Für einen kurzen Moment pflanzt sich mädchenhafte Hysterie durch den Gang. Die Frauen rücken näher an die Erscheinung, rufen seinen Namen, "Rico!", und offenbaren ihre Namensbücher wie ein Bekenntnis. Ohne daß die Atmosphäre weiter hochkocht und es zu einer ekstatischen Entladung kommt. Man ist schließlich kein dummes Mädchen. Man will nur ein Autogramm. Und einen Blick, also: "Rico...!" Der dunkelhaarige Sänger ist deshalb auch gnadenlos nett und freundlich und launenlos. Er trägt eine schwarze Lederhose, überträgt seinen unleserlichen Namen in verschwitzte Ringbuchvorlagen und lächelt vorbildlich. Das Autogramm scheint wie ein verlegener Akt der Berührung, belegt mit parfümgesüßter Melancholie. Immer wieder fahren die Frauen mit den Fingern über den neuen Namenszug. Und dann schmiegen sie sich noch in seinen Arm,
um sich mit ihm zusammen fotografieren zu lassen. Mit auffällig geschlossenen Augen.
"Zärtlichkeit", haucht währenddessen ein neuer Sänger auf der
Bühne der ausverkauften Westfalenhalle. Über zehntausend Besucher
warten dort im Grabendunkel, und diese Menge scheint auch den
Interpreten unvorstellbar. Neuntausendneunhundert Fotoapparate
folgen jeder ihrer Bewegungen. An den Saalseiten gröhlen und tanzen
ausgelassen einige Oberstufengruppen. Es gibt ja schließlich eine
Renaissace des Schlagers auch für junge Leute. Zumindest sagt
man das so, also frage ich meine Nachbarin, ob vielleicht der
verstärkte Mallorca-Urlaub damit zusammenhängen könnte. Moderner
Schlager klingt zumindest immer so nach Ballermann-Delirium. Frau
Brinkmann, meine 60jährige hennarote Sitznachbarin aus Essen versteht
aber nicht so ganz, was ich mit einem solchen Schlagerrevival
meine. Ratlosigkeit. Siebziger Jahre,
sage ich, Michael Holm und Dieter Thomas Heck, Cindy & Bert und
Schlaghosen, Rex Gildo und so, sage ich. "Das sind doch olle Kamellen",
antwortet sie voller Ernst, "Rex Gildo und so, das ist doch Kitsch,
und die sind ja auch gottseidank nicht hier". Frau Brinkmann ist
auch weniger erheitert, als vielmehr angewidert von der Schülergruppe.
"Daß die keiner rausschmeißt..." Obwohl die Jugendlichen nur saufen
und gröhlen und Spaß haben. "Eklig." Bei jedem Interpreten ironische
Rufe, sogar bei Patrick Lindner. "Eklig." Das versteht Frau Brinkmann
nicht. Das will sie auch nicht. Patrick Lindner sei beispielsweise
"himmlich". Ohne jede Ironie sagt sie das, was nicht vermittelbar
ist. "Der hilft den Menschen. Da macht man keinen Spaß!" Patrick
Lindner ist an diesem Ort und Tag kein Kitsch, sondern Ernst.
Was nicht vermittelbar ist. Dessen Augen, schwärmt sie, dessen
Lippen, dessen Wärme. "Ich geh deshalb bald nich' mehr zu diesen
Großveranstaltungen, da sind zu viele junge Leute." Und sie schaut
aggressiv, als wollten ihr diese junge Leute auch noch den Schlager
nehmen. Und den Patrick. Also das Letzte, das sie noch hat. Das
Einzige. "Der hat so warme Augen..." Wofür sie auch richtig kämpfen
würde, für den Patrick würde sie noch einmal aufstehen und ihn
verteidigen, "aber es sind doch sowieso alle gegen mich..."
Auch Frau Brinkmann trägt heute abend sogenannte teure Schuhe. Aber vorne an den Spitzen laufen tiefe Krater, die sich bis in das Gewebe hinein zu bohren scheinen. Dadurch wirken diese Schuhe irgendwie kaputt. Und Frau Brinkmann
gähnt. Vicky Leandros verbeugt
sich nämlich. Theoooo, wir fahrn nach Lodz..., singt sie. Und
es klingt ungewohnt, beinahe schon unpassend. Richtig instrumentiert,
mit einem orchestralen Vorspiel und einem überraschenden Aufbau.
Frau Brinkmann gähnt zum dritten Mal. Interessanterweise kennen
viele junge Menschen im Publikum dieses Lied nicht, und zusätzlich
wird es auffallend still im Saal, weil der gewohnte Stampfrhytmus
fehlt. Weil Schlagerfans anscheinend kein schlagerhistorisches
Bewußtsein haben. Patrick Lindner isteben kein Erbe von Rex Gildo, Nicole existiert unabhängig von
Roy Black. Siebziger-Jahre-Melodien klingen ungewohnt, beinahe
überraschend, fast schon theatralisch. Jetziger Schlager ist eindeutig,
kennt keine musikalische Gewöhnungsphase, ist hundertprozent elektronisch
und unironisch. "Olle Kamelle..." Siebziger-Schnulzen haben dafür
Herz. Und Schnulzen brauchen Pathos. Aber Herz und Pathos sind
anscheinend Zeichen einer fernen Vergangenheit. Frau Brinkmann
gähnt zum vierten Mal. "Das ist eben... alt", versucht sie zu
begründen, warum sie beispielsweise Rex Gildo nicht mag und dafür
die Flippers favorisiert. "Die sind eben im Fernsehen und Rex
Gildo ist weg." Im deutschen Schlager ist eben kein Generationsvertrag
geschlossen worden. Die Alten wollen das nicht. "Widerlich", sagt
Frau Brinkmann auch in dem Moment, als sich einige Offensivtunten
mit derben Witzeleien und Nicole-Fanclub-T-Shirts vorbeidrängen.
Ironie ist verdächtig. "Widerlich..." Frau Brinkmann hat drei
Haare vorne auf der Nasenspitze und ich muß immer dahin schauen.
Die ganze Zeit über tanzen Frauen alleine hinten in der Halle,
im Dunkeln. Dunkel wummert der monotone Synthesizersound, und
es gibt irgendwie keine Männer. Eine Halle voller Einsamkeit.
Die wenigen Einzelmänner sitzen einfach nur herum, wie vor dem
Fernseher. Ohne mitzusingen. Es sind Mitgehmänner. Einzelmänner
schauen gewohnheitsmäßig zwischendurch auf die Uhr. Sie tragen
gerne Jeans mit Krawatte. Einer zieht aus seiner hinteren Hosentasche
eine kleingefaltete Quadratplastiktüte. Feingefaltet, bis auf
Vokabelheftgröße, um das Programmheft einzulegen. Mitgehmänner
stehen auch mit verschränkten Armen hinter ihren Frauen, als seien
sie deren Leibwächter.
"Ohne Liebe gehts nicht", fordert oben nun ein neuer kleiner Sänger
von der Bühne herab, und es sind die Frauen, die an dieser Stelle
punktgleich nicken. Ernst. Ohne Lächeln.
verrückt bin... Seit Jahren schon." Dreht
sie sich, und Schlager scheint das einzige Feld, wo man als deutsche
Frau ein wenig wunderlich werden kann. Ein ganz klein wenig zumindest.
Als Schlagerfan darf eine Frau vor ihren Nachbarn laut singen
und von anderen Männern schwärmen, denen Briefe und Stoffbären
kaufen, und mehrmals im Jahr in andere Städte fahren. Und öffentlich
träumen.
Während Frau Büsch spricht, greift sie sich selber unentwegt an
die Hände, als müsse sie ihre Aufgregtheit kontrollieren. "Mit
15 war ich schon verrückt nach Musik... Peter Kraus, der Bravo-Starschnitt...
Meine Mutter war erschrocken und hat mich verprügelt. " Frau Büsch
ist in einem kleinen Ort zwischen Köln und Düsseldorf geboren,
und lebt auch heute nicht weit davon entfernt, in der Eifel. "Nach
Peter Kraus kam Caterina Valente, dann Roy Black. Der aber bis
heute hin." Trotz Tod. Eine kurzeVerehrungspause gab es eigentlich nur in den ersten Monaten nach
ihrer Heirat. Als junge Ehefrau mußte sie auch zum ersten Mal
darauf verzichten Fotos und Poster von Schlagersängern aufzuhängen.
Heimlich hat sie Roy Black aber trotzdem die Treue gehalten. "Kurz
vor seinem Tod habe ich ihn sogar viermal gesehen." Viermal, betont
sie zweimal, als sei es eine schicksalshafte Zahl mit mythologischer
Aufladung. Als wäre ein fünfmaliges Treffen schon unbedeutend
gewesen. "Das waren ganz besondere Tage für mich..." Es war die
Absturzzeit von Roy Black, als er nur noch vollgedröhnt in der
Provinz tingelte. "Zuhause ist aber heute alles voll mit Fotos
von Gigi.... und natürlich auch von Vater und Sohn." Wenn der
Sohn mal auszieht, dann wird sie das ganze Zimmer mit G.G. Anderson
und Roy Black füllen. Und was sagt eigentlich ihr Mann dazu?,
frage ich. "Der Sohn hört andere Gruppen", antwortet Frau Büsch,
"der Sohn hört BAP". Sie habe alle Zeitungsausschnitte mit und
alle Schallplatten von Gigi gesammelt, und fahre möglichst zu
jedem seiner Konzert im Umland. Und ihr Mann? frage ich. "Mein
Mann arbeitet in der Gastronomie", antwortet sie, "mein Sohn in
einem großen Kaufhaus." Ihre Tochter ist 35, ihr Sohn ist 26.
Zusammen mit ihrem Mann hatte sie auch mal eine kleine Gaststätte,
auch nicht weit entfernt von ihrem Geburtsort, aber das war irgendwann
zu anstrengend. Und sie sei kein Nachtmensch. "Ich gebe wirklich
alles für Gigi", sagt sie trocken. Ohne Pathos. G.G. Anderson
heißt bürgerlich Gerd Grabowski. Frau Büsch hat auch alle Lokalradiosendungen
aufgenommen, in denen
sie Grüße verschickt. Mit Gigis Liedern. Und all das zusammen mit den Schallplatten und den hunderten Autogrammen und den Zeitungsausschnitten zuhause wie auf einem Altar gestapelt. Mit Blumen und Kerzen umgrenzt.
"Ich bin wahrscheinlich ein bischen verrückt...", wiederholt sie
sich, "aber das ist
doch nicht schlimm.... Oder?" Hinter ihr tanzt
unbeirrt eine Frau mit ihrer Körperachse. Alleine. Auf ihrem Kopf
trägt sie rotblinkende Teufelshörnchen. Vorne auf der Bühne wird inzwischen auch durch das Mikrofon geküßt. Zwei Interpreten, die
angeblich sogar miteinander liiert sind, werden sich auf der Bühne
einen Kuß geben. Vor zwanzigtausend Augen. Was genauestens gesteuert
und choreographiert werden muß, um die Liebessucht der Zuschauer
nicht zu blanker Wut brodeln zu lassen. Ein genau dosierter Freundschaftsschmatzer
hallt knacksend durch die Wattboxen. Als der Kußapplaus ungeahnt
anschwillt, steht einer der wenigen Männer vor seiner Frau, in
der Freßstandgasse, um sie auf Video zu filmen. In dem Applausmoment
fällt ihr vor Schreck das gekaufte Bratwurstbrötchen vom Papptellerchen.
Aber sie lächelt tapfer und blickt in die unbeirrte Kamera. Sie
hält den weißen Pappteller, als sei er hochgefüllt, und steht
einfach weiter steif vor der männlichen Kamera. "Zärtlichkeit.",
sagt dabei obenwieder ein neuer Sänger. Nach dem Kuß. Und eröffnet einen neuen
Stampfrhythmus. Im ganzen Saal schwingen daraufhin die Leuchtwedel
rhyrhmisch wie Scheibenwischer. "Träum dich so richtig aus!",
brüllt eine Frau ihrer Freundin entgegen, "träum dich einfach
so richtig aus... Heute geht das!"